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Familie im Wandel

Christel Riemann-Hanewinckel über Familie im Wandel. Riemann-Hanewinckel war Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998-2002) und parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002-2005).

Christel Riemann-Hanewinckel nimmt als Referentin am Forum „Familie“ beim Demokratie-Kongress teil.

Familie im Wandel – Wo sehen Sie die größten Veränderungen?

Die Familiengründung wird immer später begonnen. Viele junge Menschen haben einen hohen Anspruch an ihre Arbeit. Junge Frauen und Männer suchen nach Erfüllung und Weiterentwicklung in ihrem Beruf. Sie möchten aber auch Kinder, damit werden Beruf und die Familie gleich wichtig, manchmal auch zu Konkurrenten.

Immer mehr Mütter und Väter wollen eine partnerschaftliche Familie leben. Beide nehmen Elternzeit in Anspruch, sie wollen aber auch flexible, zeitweise Teilzeit in Anspruch nehmen können. Allmählich verändert sich die Struktur der Arbeit durch die Digitalisierung, Homeoffice und freie Gestaltung der Arbeitszeiten sind möglich. Familien von heute müssen mobil und zeitlich flexibel sein. Der eine oder andere Arbeitgeber ist es auch, aber längst nicht alle haben begriffen, dass dem familiengerechten Betrieb die Zukunft gehört.

Die Veränderungsbereitschaft der Familien ist sehr groß, deshalb muss die Politik nachsteuern, z. B. durch einen Rechtsanspruch für befristete Teilzeit oder bei der Qualitätssicherung der Kinderbetreuung und Öffnungszeiten der Kitas.

Welche Bedeutung hat dieser Wandel für den Zusammenhalt in unserem Gemeinwesen?

Familien stehen füreinander ein, daran hat sich nichts geändert. Die Art und Weise ist anders geworden. Wenn ich 27 Jahre zurückdenke, dann wird dies besonders im Umgang der Familien mit Pflegebedürftigen deutlich. Ich habe in der DDR als Krankenhausseelsorgerin auch in Altersheimen Menschen begleitet. Das waren z.T. unwürdige Zustände für die betroffenen Pflegebedürftigen, aber auch für die Mitarbeitenden. Durch die Pflegeversicherung seit Anfang der 90er Jahre und durch die weitere Gesetzgebung, zuletzt die Reglungen zur Familienpflegezeit, werden pflegende Angehörige und auch die Pflegebedürftigen entlastet.

Die Pflegemöglichkeiten sind viel facettenreicher geworden. Inzwischen gibt es viele andere Angebote, Pflegedienste, Sozialstationen, Alten-WGs, betreutes Wohnen, ambulante Dienste, Tagesbetreuung. Aber die meisten Menschen, die Begleitung und/oder Pflege brauchen, werden von oder mit Hilfe ihrer Angehörigen betreut. Diese brauchen die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Diensten.

Für die jungen Familien hat sich das Problem der Kinderbetreuung zum positiven entwickelt. Als ich Anfang der 90er im Bundestag in Bonn im familienpolitischen Ausschuss einen breiten Ausbau von Kinderkrippen und Kindergärten gefordert habe, wurde ich von einer Ministerin aus der alten Bundesrepublik als Rabenmutter bezeichnet. Das hat sich inzwischen sehr geändert. Es gibt eine gesunde Debatte um Kinderkrippen, Kitas und weitere Formen der Kinderbetreuung. Dennoch müssen die Angebote besser werden. Wir brauchen eine Qualitätsoffensive und breitere Öffnungszeiten, zum Beispiel für Eltern, die am Wochenende oder in Schichten arbeiten.

Zukunft der Familie: Ist sie weiterhin die Keimzelle unserer Gesellschaft?

Ich selbst halte den Begriff „Keimzelle“ für problematisch, da er geschichtlich betrachtet eine negative Konnotation hat. Aber auch sonst ist der Begriff Keimzelle zu kurz gefasst. In einer Familie keimt es nicht nur, sondern es wächst und gedeiht etwas. Für mich ist Familie der Ort, an dem Erfahrungen gemacht werden, Liebe und Vertrauen, Verlässlichkeit und Gemeinschaft, Streit und Verzeihen erlebt wird.

Die Größe der Familie ist nicht entscheidend. Die gegenseitige Unterstützung ist einfach riesig, egal wie groß oder klein die Familie ist: ob gegenseitiges Babysitting, Klamottentausch, füreinander Einkaufen oder der Finanztransfer von den Großeltern zu den nachfolgenden Generationen. Und sie wird sich weiter wandeln. Denn Familie ist nichts statisches, sondern befindet sich ständig im Wandel.

Welchen Beitrag muss die Familie zur Vermittlung demokratischer Werte leisten? Was passiert, wenn sie es nicht tut?

Demokratie fängt in der Familie an. Beteiligung und Partizipation bilden das Grundgerüst einer intakten Familie. Alle Familienmitglieder müssen an Entscheidungen beteiligt werden. Natürlich heißt das nicht, dass Kinder alles machen  können, was sie wollen, aber dass sie ihrem Alter entsprechend an den Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Deshalb sollte zu jeder Geburt den Eltern die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte der Kinder in einer illustrierten Ausgabe geschenkt werden!

Jedoch ist das Thema Beteiligung nicht nur in der Familie wichtig, sondern auch in der gesamten Gesellschaft. Familien müssen gesellschaftliche und politische Teilnahmemöglichkeiten haben. Leider ist Teilhabe oft auch eine finanzielle Frage. Deswegen ist es wichtig, dass der Staat an dieser Stelle für diejenigen eintritt, die sich Partizipation selbst nicht ermöglichen können.

Ein Weg wäre zum Beispiel das Steuerrecht zu demokratisieren. Familien sind darin nicht entsprechend vertreten und Alleinerziehende sind nicht mit traditionellen Familienentwürfen gleichgestellt. Das muss sich ändern, damit jede und jeder an unserer Gesellschaft und Gemeinschaft teilhaben kann.

Können staatliche Institutionen wie bspw. Schulen das kompensieren?

Wenn etwas kompensiert werden muss, gibt es irgendwo natürlich ein Defizit. Und hier spielt die Schule eine wichtige Rolle. Denn für mich ist die Schule ein Ort, an dem nicht nur kognitive Bildung vermittelt wird, sondern auch emotionale und soziale Bildung. Deshalb ist die Schule auch in der Lage, die Defizite aus der Familie aufzufangen.

Die Schule ist somit neben der Familie der wichtigste Ort. Es ist notwendig, Schulen auch an den finanziellen Ressourcen so zu beteiligen, dass sie ihrem umfassenden Bildungsauftrag auch gerecht werden können. Das Geld, das später in Sonderprogramme oder auch in den Strafvollzug gesteckt wird, wäre in den Schulen viel besser aufgehoben.

Doch Schulen müssen nicht nur an finanziellen Ressourcen beteiligt werden, sondern müssen auch eine gesellschaftliche Teilnahme ermöglichen. Stichwort Inklusion: Kinder mit Einschränkung sind in vielen Kitas bereits Teil der Gruppen, aber in den Schulen sieht es leider noch anders aus. Aus meiner Sicht brauchen wir keine Sonderschulen, sondern Schulen, die auf die Bedürfnisse einzelner Schülerinnen und Schüler eingehen. Wir brauchen Sozialarbeiterinnen und Integrationsbeauftragte für Schulen. Die Schule muss ein Ort werden, an dem sich unsere gesellschaftliche Vielfalt in all ihren Facetten widerspiegelt.