gleichstellung

Noch 170 Jahre bis zur Gleichstellung?

Foto: Kocher Eva

Prof. Eva Kocher forscht und lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ heißt es im deutschen Grundgesetz. Und obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten viel in Sachen Gleichstellung getan hat, ist die Gleichberechtigung noch immer nicht in allen Lebensbereichen tatsächlich durchgesetzt. Wie kann dieses Ziel erreicht werden?

Prof. Eva Kocher nimmt als Referentin am Forum „Gleichstellung“ des Demokratiekongresses teil.

Für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung erstellte die von Ihnen geleitete Kommission eine Bestandsaufnahme der Gleichstellung in Deutschland; sie gibt auch Handlungsempfehlungen. In welchen Bereichen besteht der größte Handlungsbedarf?

In unserer Gesellschaft sind in allen Lebenslagen die Verwirklichungschancen noch wesentlich vom Geschlecht abhängig. Jedoch wird der Blick oft vor allem auf den Bereich der Erwerbstätigkeit gerichtet – hier zeigt der Gender Pay Gap den Stand der Gleichberechtigung. Allerdings ist die Ungleichheit zwischen Mann und Frau auch im privaten Lebensbereich und bei der unbezahlten Sorgearbeit enorm. Den Stand der Gleichberechtigung in Bezug darauf haben wir erstmals berechnen lassen; wir sprechen von einem Gender Care Gap. Er zeigt, dass die private, informelle, unbezahlte Arbeit der Sorge für andere und für den Haushalt ebenfalls geschlechtergetrennt und ungleich verteilt ist. Nach unserer Berechnung leisten Frauen 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Und bei Haushalten mit Kindern ist die Differenz sogar noch deutlicher. Dieses Missverhältnis wirkt sich selbstverständlich auf alle Lebenslagen in unserer Gesellschaft aus. Handlungsbedarf gibt es somit in allen Bereichen.

Welchen Blick haben Sie als Juristin auf das Thema Gleichstellung?

Als Juristin habe ich zwei Blicke auf das Thema Gleichstellung. Zu allererst interessiert mich, wie das Rechtssytem dazu beiträgt, ungleiche Verwirklichungschancen wegen des Geschlechts in unserer Gesellschaft herzustellen und zu reproduzieren. Ein Beispiel hierfür ist unser Steuerrecht und seine Auswirkungen. Auf der anderen Seite sehe ich auch unser Rechtsystem als Mittel, um Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Lebenslagen zu schaffen. Somit ist das Recht ein Faktor, der Gleichberechtigung auf der einen Seite hindern, aber auf der anderen Seite auch fördern kann.

Welche Auswirkung hat die fehlende Gleichstellung auf unsere Gesellschaft?

Fehlende Gleichstellung hat Auswirkung auf unsere gesamte Gesellschaft. Sie verschließt vielen Menschen Wege, nach eigenen Vorstellungen als aktiver Teil der Gesellschaft zu wirken. Nicht nur Frauen sind davon betroffen. Auch Männern werden Verwirklichungschancen genommen, wenn sie in herkömmliche Rollenbilder gezwängt, als Väter nicht ernst genommen und in den Möglichkeiten, Familie zu leben, beschränkt werden.

Eine weitere Wirkung fehlender Gleichstellung ist, dass Sorgearbeit gesellschaftlich systematisch gering bewertet und in ihrer Bedeutung vernachlässigt wird. Die gesellschaftlichen Krisen der Sorgearbeit z.B. in der Pflege werden sich ohne Aufwertung und Gleichberechtigung der Geschlechter künftig noch verschärfen.

Laut dem Gleichstellungsreport 2016 des Weltwirtschaftsforums dauert es noch 170 Jahre, bis Frauen und Männer die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Warum so lange?

Die Verwirklichungschancen der Menschen hängen in allen Lebensbereichen vom Geschlecht ab, nicht nur in der Erwerbstätigkeit. Und zur tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung gibt es nicht das eine Instrument, das plötzlich alle Probleme lösen kann. Es müsste vielmehr an zahlreichen Schrauben gedreht werden.

Welche Voraussetzungen müssen hierzulande erfüllt sein, damit die Gleichstellung beschleunigt werden kann?

Wichtig wäre eine gesellschaftliche Verständigung über die Herausforderungen der Gleichstellung. Aktuell sind die Voraussetzungen hierfür aber schlecht. Es wird zum Teil sogar schon behauptet, es gebe keine gesellschaftlichen Probleme, die sich aus fehlender Gleichberechtigung ergeben. Das Gutachten für den Gleichstellungsbericht der Bundesregierung soll allerdings dabei helfen, die gesellschaftliche Debatte über Gleichstellung zu führen und deutlich machen, dass gesellschaftlich notwendige Arbeit und gesellschaftlicher Zusammenhaltvoraussetzt, dass die Verwirklichungschancen der Menschen nicht länger vom Geschlecht abhängig sind.