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Luther hätte heute seine Thesen auf Facebook gepostet

Gregor Hackmack, Gründer von "change.org" und "abgeordnetenwatch.de"

Gregor Hackmack, Deutschlandchef der Online-Petitionsplattform „change.org“ und Mitbegründer und Geschäftsführer von abgeordnetenwatch.de, über den Zusammenhang von Digitalisierung und Bürgerbeteiligung.

Gregor Hackmack nimmt als Referent am Forum „Beteiligung“ des Demokratie-Kongresses teil.

Wo findet im Internet Bürgerbeteiligung statt?

Während der Parlamentarismus in Deutschland noch stark hierarchisch organisiert ist, bieten Online-Petitionsplattformen wie „change.org“ Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich schnell und effektiv an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Über soziale Medien wie Facebook kann heute jeder für das eigene Anliegen werben, Gleichgesinnte finden und sich mit anderen zusammentun.

Ist es im Internet einfacher, Menschen für politische Ziele zu motivieren?

Die Einstiegshürden sind niedriger. Noch nie hatten so viele Menschen Zugang zu Wissen und Entscheidungsträgern. Mit dem Smartphone haben wir rund um die Uhr die Möglichkeit, uns zu informieren und in Online-Debatten einzubringen. Und wer möchte, kann mit einer einzigen E-Mail Hunderttausende Menschen erreichen, ohne dass ihm dabei Kosten entstehen.

Wie beeinflusst Digitalisierung unsere Bereitschaft, uns zu beteiligen?

Ich höre oft, im Internet würden sich nur Menschen politisch engagieren, die das auch offline tun. Ich nenne dann gerne als Gegenbeispiel, dass nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung Mitglied in politischen Parteien sind, während 25 Prozent schon einmal eine Online-Petition unterschrieben haben.

Wird die Digitalisierung herkömmliche Formen der Beteiligung und des Engagements ablösen?

Sicherlich nicht vollständig, aber ich sehe in der Digitalisierung einen großen Fortschritt und die Chance, die Demokratie weiterzuentwickeln. Sie verkleinert die Gräben zwischen Wählern und Gewählten und macht deutlich, wie sich die Gesellschaft weg von Hierarchien in Richtung Netzwerke bewegt. Die Frage ist nun, wie sich die politischen Systeme darauf einstellen.

Mit einem Klick die Welt verbessern: Welches Potenzial steckt in Online-Petitionen?

Die Unterzeichnung einer Online-Petition kann immer nur der Start einer Kampagne sein. Will man etwas bewegen, ist es mit einem Mausklick sicherlich nicht getan. Es geht vor allem darum, Menschen zum gemeinsamen Handeln zu bringen. Es gibt viele verschiedene Aktionsformen, die sich an eine Petition anschließen können: Manche beteiligen sich an einer Spendenaktion oder folgen einem Demonstrationsaufruf, andere schreiben einen Leserbrief an die Lokalzeitung. Es geht darum, dass die Bürgerinnen und Bürger animiert werden, sich thematisch stärker einzubringen, sich gemeinsam für ein Ziel einzusetzen – und nicht nur alle vier Jahre bei der Wahl ihr Kreuz machen.

Welche Risiken birgt die digitale Beteiligung in der Anonymität des Internets?

Wichtig ist zunächst einmal, dass überhaupt debattiert wird. Ich halte es durchaus für gerechtfertigt, dass die Beteiligung auch anonym erfolgt. Schließlich sind Bürgerinnen und Bürger keine Personen des öffentlichen Interesses. Außerdem muss man sich nach der Stimmabgabe bei einer Wahl auch nicht für seine Entscheidung rechtfertigen. Debatten können immer entgleiten, egal wo sie stattfinden. Online kann man dem entgegenwirken, indem man etwa eine Netiquette und einen Moderationskodex beschließt. Auf "abgeordnetenwatch.de" beispielsweise werden alle Fragen moderiert, so dass unangemessene Fragen wie nach dem Privatleben der Politiker und Politikerinnen gar nicht erst veröffentlicht werden.

Hätte der heutige Luther seine Thesen auf seiner Facebook-Seite gepostet?

Wahrscheinlich wäre er damit in der heutigen Zeit besser bedient, statt sie an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg zu nageln, weil er so in Windeseile Menschen weltweit erreichen könnte. Und ich würde ihm natürlich empfehlen, eine Online-Petition zu starten und diese dann über die sozialen Medien zu verbreiten. Damit würde er den Menschen im Gegensatz zu damals unmittelbar ermöglichen, sich seinen Thesen anzuschließen. Ich hoffe allerdings, dass er für seine antisemitischen Thesen auch viel Gegenwind im Internet erhalten würde.