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VERLEY UNS FRIEDEN – Die Neuvertonung der Luther-Choräle

Michael Villmow Komponist und Dirigent des BuJazzO – Photocredits: Frank Peinemann / ©villmow

Das BundesJazzOrchester – Photocredits: © DMR, Christian Debus

Das BuJazzO – Die „allererste Sahne“ des Jazz in Deutschland – Photocredits: © DMR, Christian Debus

Der Komponist Michael Villmow nimmt das Reformationsjubiläum zum Anlass, um drei ausgewählte Luther-Choräle  und einige prägnante Zitate des Reformators neu zu vertonen. Die Musikerinnen und Musiker des Bundesjazzorchesters werden die modernen Klangwelten am Abend des Demokratiekongresses im Französischen Dom uraufführen. Michael Villmow spricht im Interview über die Verbindung zwischen Jazz und den Luther-Chorälen sowie die inspirierende Arbeit mit den jungen Menschen des Bundesjazzorchesters.

Herr Villmow, Sie vertonten die Luther-Choräle zum Reformationsjubiläum neu. Was macht dieses Projekt so besonders?

Es wurden ja nicht die gesamten Luther-Choräle vertont, sondern ich habe mir nur drei Choräle ausgesucht, kleine Zitate und Knackpunkte, die für mich besonders und interessant sind. Die Neuvertonung und der gesamte Kompositionsauftrag ist für mich ein sehr spannendes Projekt, da viele verschiedene musikalische, technische und orchestrale Elemente aufeinander treffen. Hinzu kommt, dass ich selbst schon viel Musik für Chöre und Instrumentalisten im Kirchenraum geschrieben habe. So bietet mir das Projekt die Möglichkeit, Bigband-Jazz mit meiner Kenntnis über Vokalmusik und Kirchenmusik zu verbinden.

Ein weiterer spannender Punkt an der Neuvertonung sind die reformatorischen Elemente des Projekts. Luther war ja ein starker Befürworter der Musik und sah diese als wichtigen Faktor der Reformation. Aber auch der reformatorische Gedanke der Eigenverantwortung sowie das ständige In-Frage-Stellen seiner Selbst sind Elemente, die für uns Jazz-Musizierende sehr essenziell sind. Das kann man zum Beispiel beim BuJazzO (Bundesjazzorchester) sehen. Es braucht sehr viel Mut, sich für eine Karriere als Jazz-MusikerIn zu entscheiden und somit nicht den herkömmlichen,  oft auch leichteren Weg zu wählen. Aber auch der Jazz als Musikstil besitzt viele reformatorische Elemente. Durch das Improvisieren im Jazz müssen wir ständig unseren Mut beweisen, eigene Entscheidungen zu treffen, aber auch mit Selbstzweifel umgehen. Dadurch entsteht selbstverständlich viel Energie, aus der besonders auch die jungen Musizierenden des BuJazzO Kraft schöpfen können.

Das Projekt besitzt auch eine spirituelle Komponente. Dies ist ein weiterer Punkt, der für mich auch persönlich sehr wichtig ist. Die Luther-Choräle sind nicht technisch hoch versiert oder virtuos.  Sie leben von der Einfachheit mit viel Raum zur kompositorischen und interpretatorischen Gestaltung, von der inhaltlichen Tiefe und den immer noch höchst aktuellen Themen.

Jazz gilt als die demokratischste Musikform und Musik des Aufbruchs. Man denke nur an den revolutionären und politischen Sound von John Coltrane oder Thelonious Monk. Steht dieses relativ junge und radikale Musikgenre nicht im Kontrast zu den nun fast 500 Jahre alten Luther-Chorälen?

Ich habe die Luther-Choräle gar nicht im Kontrast zum Jazz gesehen, da auch niemand von mir erwartet hat, dass ich mich an dem alten Stil orientiere. Ich sehe die Luther-Choräle eher im Sinne der Lutherschen Freiheit als offenes Gefäß, das mir einen Rahmen zur Gestaltung gibt.

Des Weiteren hat sich Jazz in den letzten Jahren sehr weiterentwickelt und ist nun eine etablierte Institution in Deutschland. Selbstverständlich gibt es noch den alten Dixie-Jazz, den Leute in Kneipen zu Erdnüssen und Bier hören. Aber es gibt auch die etablierten Jazz-Bigbands, Jazz-Institute an den Hochschulen und durchkomponierte Werke. Der revolutionäre Aspekt des Jazz ist somit mal mehr, mal weniger vertreten.

Auch im Fall des BuJazzOs bietet das Orchester natürlich nicht so viel Freiheit wie ein John Coltrane-Quartett. Dennoch wird auch im Orchester etwas gemeinsam erarbeitet und geschaffen und jeder Musizierende kann seine Stärken einbringen. Und genau das macht Jazz auch so besonders bzw. gewissermaßen auch demokratisch. Es wird innerhalb bestimmter Regeln improvisiert, dennoch werden die Regeln bis zum Maximum strapaziert und in manchen Fällen auch gebrochen, um zu zeigen, dass es diese Regel gibt. Da gibt es Parallelen zwischen dem Jazz und unserer Gesellschaft: Wir müssen eine Balance finden zwischen dem Einhalten von Regeln und dem kreativ Neues entdecken. Nur so können wir ein Stück bzw. die Gesellschaft selbst gestalten. Trotzdem funktioniert diese Selbstgestaltung nur, wenn jedes einzelne Mitglied nicht nur sendet, sondern auch lernt zu empfangen, also zuzuhören und Ideen aufzugreifen.

Das BuJazzO ist ein Orchester mit jungen Musizierenden. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit den jungen Menschen zu anderen, bereits etablierten bzw. erfahreneren Orchestern?

Die Musizierenden des BuJazzO sind natürlich „allererste Sahne“ dessen, was es in Deutschland in Sachen Jazz gibt. Viele von ihnen sind bereits technisch als auch mental so weit, dass sie bereits in professionellen Radio-Big-Bands spielen könnten. Das geht natürlich auf die hervorragende Förderung und auch Institutionalisierung des Jazz in Deutschland zurück. Für die 18- bis 24- jährigen ist das BuJazzO auch ein hervorragendes Sprungbrett für ihre spätere Karriere als Berufsmusiker.

Auch die Arbeit mit dem Orchester ist inspirierend und macht viel Freude. Die Musiker sind mit einer Leidenschaft dabei und brennen richtig für ihre Musik. Das kann ich immer sehen, wenn sie nach den langen Proben noch bis in die frühen Morgenstunden weiter spielen, um der ganzen Energie und dem Forschungsdrang freien Lauf zu lassen. Die älteren Jazzer freuen sich nach den langen Proben dann doch schon eher mal auf den Feierabend.

Das Besondere an der Institution BuJazzO ist allerdings auch, dass neben den zwei festen Dirigenten auch Gast-Dirigenten zur Umsetzung spezieller Projekte eingeladen werden. Dadurch erleben die Mitglieder des BuJazzO natürlich unterschiedliche Herangehensweisen und auch unterschiedliche Werte. Das BuJazzO ist also eine große Chance für die jungen Menschen und natürlich auch für alle, die es live erleben.

Die Luther-Choräle werden am 14.3.2017 um 19:00 Uhr vom Bundesjazzorchester im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt uraufgeführt. Alle Kongress-Teilnehmenden sind herzlich eingeladen.