Kinder & Jugendliche

Ein Recht auf Langeweile

Immanuel Benz ist Bundesvorsitzender der „Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken“, einem unabhängigen und selbstorganisierten politischen und pädagogischen Kinder- und Jugendverband. Im Interview spricht er über das Recht auf Langeweile und erklärt, warum Freiräume insbesondere für Kinder und Jugendliche wichtig sind.

Immanuel Benz nimmt als Referent am Forum „Kinder und Jugend“ des Demokratiekongresses teil.

Was ist Ihre Einschätzung als Bundesvorsitzender eines Kinder- und Jugendverbands: Dürfen sich Kinder und Jugendliche heute noch langweilen?

Die gesellschaftliche Erwartungshaltung verlangt eigentlich permanent „sinnvolle“ Tätigkeiten. Langeweile passt nicht ins Konzept der ständigen Selbstoptimierung. Der Alltag vieler Kinder und Jugendlicher ist daher vollkommen verplant. Immer scheint der Gedanke „Was bringt mir das?“ wichtig zu sein.

Warum sind Langeweile und Leerlauf wichtig?

Langeweile steht hier vor allem für Phasen ohne fremdbestimmte Tätigkeiten, die junge Menschen fordern, eigene Ideen und Phantasie zu entwickeln bzw. sie endlich in die Lage versetzen, zu bestimmen, was passiert. Ob das dann chillen auf der Parkbank, zocken an der Playstation, mitarbeiten in der Jugendverbandsgruppe oder auf dem Bett liegen und gar nichts tun bedeutet – das ist deren Entscheidung.

Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn der heranwachsenden Generation diese Freiräume fehlen?

Vor allem bedeutet es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, dass ihnen die Möglichkeiten fehlen, sich zu kritisch denkenden und eigenständig handelnden Persönlichkeiten zu entwickeln. Um diese Fähigkeiten zu erlangen, braucht es unverzweckte Zeiten und Räume – Freiräume. Weil sie ansonsten die ganze Zeit darum bemüht sind, den vermeintlichen Idealen einer Leistungsgesellschaft hinterherzulaufen – die sich dann wiederum auch noch darüber beschwert, die Jugend von heute sei ja so brav und angepasst.

Wie lautet Ihr Appell an Eltern und Politik?

Zum einen: Junge Menschen nicht nur in Sonntagsreden ernst nehmen, sondern ihnen tatsächliche Selbstbestimmung und Zeitautonomie ermöglichen – und die daraus folgenden Entscheidungen auch akzeptieren. Zum anderen: Echte Zukunftsperspektiven auch für jene jungen Menschen schaffen, die aktuell de facto ein zu viel an Zeit haben – etwa, weil sie in Warteschleifen geparkt sind oder unter Arbeitslosigkeit leiden.