Ältere Menschen

Ein Leben lang lernen – Prof. Bernhard Schmidt-Hertha im Interview

Prof. Bernhard Schmidt-Hertha ist Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen

Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha spricht über die Idee vom Lernen in der zweiten Lebenshälfte und wie die ersten Lernerfahrungen unsere Art des Lernens ein Leben lang prägen. Schmidt-Hertha ist Gründer des europäischen Netzwerks „Education and Learning of Older Adults“ und Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt berufliche und betriebliche Weiterbildung.

Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha nimmt als Referent am Forum „Bildung“ des Demokratiekongresses teil.

Ist Lernen abhängig vom Alter?

Nein. Lernen ist nicht abhängig vom Alter, sondern vielmehr von der Übung. Mit der richtigen Übung ist Lernen noch im hohen Alter möglich. Menschen mit über 80 Jahren können immer noch sehr lernaktiv sein und sich neue Inhalte erschließen und auf bestehendes Wissen aufbauen. Das Problem bei manchen Menschen ist allerdings, dass diese an einem bestimmten Zeitpunkt aufgehört haben zu lernen. Wenn das geschehen ist, fällt es vielen schwer, das Lernen im fortgeschrittenen Alter wieder anzufangen.

Älteren Menschen werden oft Attribute wie Lustlosigkeit, fehlende Lebensfreude und Langeweile zugeschrieben. Wie sehen Sie die Lernbereitschaft bei älteren Menschen?

Die Lernbereitschaft ist bei älteren Menschen nicht höher als bei anderen Bevölkerungsgruppen, aber auch nicht niedriger. Ein entscheidender Faktor für das Lernen sind die Lernerfahrungen. Vor allem die ersten Lernerfahrungen, die häufig in der Schule gesammelt wurden, sind für viele Menschen prägend und werden auch noch im späteren Leben direkt mit dem Lernen verbunden. Das kann bei vielen Menschen Lernfreude verankern, aber auch verbauen. Neben positiven Erfahrungen können sich auch negative Erfahrungen und Misserfolge ein Leben lang verfestigen.

Aber nicht nur die Schulen sind prägend für viele Menschen, sondern auch individuelle Erfahrungen, die gezeigt haben, dass durch Lernen und Lernerfolge auch schwierige Lebenssituationen überwunden werden konnten.

Bildungsinstitutionen werden mit jungen Menschen in Verbindung gebracht. Bei einer alternden Gesellschaft müsste sich allerdings auch hier das Angebot ändern. Wie können sich Bildungsinstitute auf die älter werdende Gesellschaft einstellen und öffnen?

Viele Bildungsinstitutionen haben sich bereits auf die älter werdende Gesellschaft eingestellt, allerdings geschieht dies noch nicht in der breiten Masse. An den Hochschulen gibt es bereits das Seniorenstudium, wissenschaftliche Weiterbildungen für Berufstätige und berufsbegleitende Studiengänge. Hier könnte sich die Trennung zwischen Alt und Jung zukünftig mehr und mehr auflösen. Dadurch werden Alter und Lebenssituation zweitrangig und das Augenmerk wird viel mehr auf das gemeinsame Interesse gerichtet.

Aber auch im Weiterbildungsbereich passiert bereits sehr viel. So viel, dass hier eher die Sorge besteht, dass die jüngeren Menschen aus den Augen verloren werden. Hier muss erkannt werden, dass im intergenerationellen Lernen viel Potenzial steckt und dies noch viel breiter umgesetzt werden kann.

Ein Bereich, bei dem es allerdings noch großen Nachholbedarf gibt, ist die Bildung für Menschen im 4. Lebensalter. Also Menschen, die mit körperlichen und geistigen Einschränkungen leben, somit nicht mehr mobil sind. Hier können aufsuchende Bildungsangebote geschaffen werden und so die Lernangebote zu den Menschen kommen. Bildung muss auch für Menschen im hohen Alter ermöglicht werden.

Auch Demenz ist hier natürlich ein wichtiges Thema: Die Mehrheit der Menschen, die demenziell Erkrankte pflegen, sind deren Angehörige, die keinerlei Bildung und Qualifikation in der Pflege haben. Es besteht somit auch bei dieser Gruppe ein großer Bedarf an Fortbildung und Qualifikation.

Ältere Menschen werden oft als homogene Gruppe gesehen und dargestellt. Welche Rolle spielt Vielfalt im Bildungsangebot für ältere Menschen?

Die Vielfalt unter älteren Menschen sollte generell viel mehr beachtet werden. Dies ist leider nicht immer der Fall, obwohl die Unterschiede zwischen Menschen mit steigendem Alter immer größer werden. Es besteht eine enorme Heterogenität und Vielfalt unter älteren Menschen, weshalb es keinen Sinn macht Bildungsangebote nur für Menschen „ab 70“ anzubieten. Angebote sollten vielmehr die Lebenslagen und Situationen der Menschen adressieren und nicht nur das Alter.