Gleichstellung

Gleichberechtigung ist ein Menschenrecht und ein demokratischer Grundwert, der alle Lebensbereiche betrifft. In den letzten Jahren wurden große Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen und Männern gemacht. Das Ziel ist, dass Gleichstellung tatsächlich in der Lebenswelt von Frauen und Männern ankommt.

Frühe Neuzeit

Frauen sind untertan

In der frühen Neuzeit kann von Gleichstellung keine Rede sein: Eine Frau unterliegt grundsätzlich der Gewalt des Mannes und muss sich ihm gegenüber gehorsam zeigen. Begründet wird dies mit der physischen und psychischen Unterlegenheit der Frau. Juristisch sind Frauen nur eingeschränkt handlungsfähig und müssen durch einen männlichen Vormund vertreten werden. Obwohl die Frau meist die Gehilfin des Mannes in seinem Beruf ist, ist auch ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit eingeschränkt.

»Ein Alkoholiker schlägt seine Frau«,
George Cruikshank, 1850

Haus = Arbeitsplatz

Der Arbeitsplatz befindet sich im Wohnhaus. Das hat zur Folge, dass Frauen in der Regel in den Arbeitsalltag eingebunden und mitverantwortlich für den Ablauf im Betrieb sind. Eine räumliche Trennung von Arbeits- und Wohnort erfolgt erst allmählich ab dem 18. Jahrhundert mit der beginnenden Industrialisierung.

»Die Bauernstube«,
Eduard Walther, 1890

18./19. Jh.

Bürgertum und Arbeiterinnen

Frauen werden aufgrund ihres »natürlichen Geschlechtscharakters« nicht als autonome Menschen wahrgenommen. Vater, Bruder oder Ehemann haben in der Regel die Vormundschaft. Frauen haben vor allem Ehefrau und Mutter zu sein. Dies kann man sich allerdings nur im Bürgertum leisten – in den unteren Schichten bzw. der Arbeiterschaft müssen auch die Frauen zum Einkommen beitragen.

1830 - 1850

Frauen werden politisch

Bei vielen Vereinsgründungen sind Frauen zunehmend engagiert. Sie beziehen Stellung zu sozialen und politischen Themen und fordern Rechte für die Frauen. Vor allem die Revolutionsjahre 1848/1849 sind ein Meilenstein für die deutsche Frauenbewegung. Bei Demonstrationen und in neu gegründeten demokratischen Frauenvereinen mischen Frauen mit. Nach dem Scheitern der Revolution wird ihnen das Recht, politischen Vereinen beizutreten, wieder untersagt.

1865

Die erste deutsche Frauenbewegung

Trotz aller Widerstände lassen sich die Frauenrechtsbestrebungen nicht unterdrücken: Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt gründen 1865 den »Allgemeinen deutschen Frauenverein«. Ihre Forderungen: Bessere Bildungschancen für Frauen sowie das Recht auf Arbeit und freie Berufswahl. Ab den 1870er Jahren formiert sich auch die proletarische Frauenbewegung, die sich für die Belange der Arbeiterinnen einsetzt. Ihre bekannteste Vertreterin ist Clara Zetkin.

Louise Otto-Peters & Auguste Schmidt

1900

Bürgerliches Gesetzbuch

Mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) wird die Vormundschaft des Ehemanns über seine Frau rechtlich gestärkt. Er hat in allen Belangen, die Ehe und Familie betreffen, die Entscheidungsgewalt.

1919

Frauenwahlrecht

Mit der Weimarer Verfassung wird erstmals das Frauenwahlrecht eingeführt. Frauen erhalten sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht, können also von nun an nicht nur wählen, sondern auch zur Wahl aufgestellt werden. 37 weibliche Abgeordnete ziehen in die Nationalversammlung ein.

Wahlplakat der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), 1919

Idealbild der Mutter in der NS-Zeit

Idealbild der Mutter in der NS-Zeit

1933 – 45

Mutter mit zwei Töchtern und einem Sohn in Hitlerjugend-Uniform (aus: SS-Leitheft 9/2 Februar 1943)

1949

Recht und Realität im Westen

Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes stellt klar: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. « Doch Rechtsnorm und Realität klaffen noch weit auseinander. Das gilt besonders für verheiratete Frauen. Der Ehemann kann mit seinem »Letztentscheidungsrecht « über Arbeitsstelle, Führerschein und Geld seiner Frau bestimmen, bis 1958 das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau verabschiedet wird. Und erst 1975 legt die Eherechtsreform fest, dass beide Ehepartner berechtigt sind, erwerbstätig zu sein.

Plakat des FDGB,
ca. 1945/1949

1950er

Gleichberechtigung und Doppelbelastung im Osten

In der DDR ist die Berufstätigkeit von Frauen nahezu selbstverständlich. Führungspositionen werden jedoch auch in der DDR meist von Männern besetzt. Sich um die Familie und den Haushalt zu kümmern, bleibt Aufgabe der Frauen – so legt es sogar das Familiengesetzbuch der DDR fest. Etwas entlastet werden die Frauen durch das Angebot an Krippenplätzen.

1951

1951

Propaganda-Plakat des Demokratischen Frauenbunds Deutschland (DFD), der Frauenorganisation der DDR.

1960er

»Frauenfrage« und neue Frauenbewegung

Erwerbsquote, Sozialleistungen und legalisierter Schwangerschaftsabbruch – für die SED ist die »Frauenfrage« gelöst, trotz schlechter Bezahlung, Doppelbelastung und geringer Aufstiegschancen. Im Westen führen die Studentenproteste der 68er-Bewegung zu einem Wertewandel. Eine neue Frauenbewegung entsteht, die vor allem für die Reform des Paragrafen 218 kämpft.

Frauen in der Werbung

Frauen in der Werbung

1950er/ 1960er

Die Werbung in den 50er und 60er Jahren spiegelt die gesellschaftliche Rolle der Frau wider. Sie kümmert sich um die Familie und den Haushalt, der Mann um das Finanzielle.

1974/1976

Schwangerschaftsabbruch

Im Juni 1976 tritt die Reform des Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches in Kraft. Er sagt Straffreiheit dann zu, wenn die Schwangerschaft aus medizinischen Gründen abgebrochen wird, aus einer Vergewaltigung entstanden ist oder eine soziale Notlage vorliegt. Ein Recht auf Abtreibung gibt es bis heute nicht. In Ostdeutschland dürfen die Frauen über ihre Kinderzahl ab 1972 selbst entscheiden: Die sog. »Wunschkindpille« gibt es auf Rezept, ein Schwangerschaftsabbruch ist straffrei.

1986

Frauenpolitik auf Bundesebene

Im Jahr 1986 bekommt das damalige Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit die neue Abteilung »Frauenpolitik«. Seitdem gibt es in der Bundesregierung offiziell eine Ministerin, die für die Belange von Frauen zuständig ist. Erste Bundesfrauenministerin wird Rita Süssmuth. Das Bundesfrauenministerium initiiert konkrete Schritte in Richtung tatsächlicher Gleichstellung. Aus der Frauenförderpolitik ist inzwischen die Gleichstellungspolitik geworden.

Rita Süssmuth

1998

Vergewaltigung in der Ehe

Weder das bundesdeutsche noch das DDR-Recht kannten den strafrechtlichen Begriff der Vergewaltigung in der Ehe. Beide Rechtssysteme spiegelten die alten Vorstellungen vom Besitzanspruch des Mannes auf seine Ehefrau wider. Erst die Neuformulierung des Paragrafen 177 Strafgesetzbuch stellt die Vergewaltigung in der Ehe als Vergewaltigung unter Strafe – vorher konnte sie nur als sexuelle Nötigung strafrechtlich geahndet werden.

2015

Frauenerwerbsarbeit

Die Erwerbsquote bei den Frauen liegt 2015 bei 51,8 Prozent, bei den Männern bei 59,1 Prozent. Deutlicher fällt der Unterschied bei der Teilzeitarbeit aus: 57,8 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit, aber nur 20 Prozent der erwerbstätigen Männer. Der Grund: Fast immer sind es die Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren, um sich um ihre Kinder oder hilfsbedürftige, ältere Angehörige zu kümmern.

2016

Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft

Seit dem 1. Januar 2016 gilt die vieldiskutierte Frauenquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in großen Unternehmen. Das wirkt: Mehr Frauen denn je sind in den Aufsichtsräten vertreten, ihr Anteil hat sich fast verdreifacht. In den Vorstandsetagen der DAX-Unternehmen sind Frauen allerdings noch immer eine Seltenheit: Ihr Anteil liegt hier bei 6,4 Prozent.